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Lukas Hainer im Gespräch

Juli 2021 · Interview mit dem Autor von Nightrunner

Lukas Hainer ist einer der erfolgreichsten Songwriter in Deutschland. Doch Bücher zu schreiben war schon immer sein Traum. Den hat er sich erfüllt und schreibt nun Kinderbücher und Jugendfantasyromane.

Am 30.6.2021 war Lukas Hainer zu Besuch in unserer Buchhandlung im buch7-Kulturbahnhof und hat dort aus seinem Buch "Nightrunner" gelesen. Ein toller Abend mit Lesung, Musik und vielen Hintergrundinformationen zum Buch, zum Schreiben und zum Songwriting. Im Vorfeld durften wir dem Autor Fragen zu seinem vielschichtigen Leben und zu seinen Büchern stellen – die spannenden Antworten könnt Ihr nun hier lesen:


buch7: Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, unsere Fragen zu beantworten. Wie läuft ein typischer (Arbeits)tag bei Ihnen ab? Wie vereinbaren Sie Ihre unterschiedlichen Beschäftigungen? Gibt es Parallelen, Inspirationen, o.Ä.? Wie unterscheiden sich Ihre Herangehensweisen beim Schreiben von Songtexten und Belletristik?

Lukas Hainer: Der Arbeitsalltag ist aktuell sehr geprägt von meinen Kindern. Ich habe drei Kinder im Alter zwischen fast einem und sechs Jahren. Das gibt den eigentlichen Takt vor, und die restlichen Verpflichtungen versuche ich damit (natürlich gerade in Pandemie-Zeiten) einigermaßen in Einklang zu bringen. Als Songwriter ist man ja nur am Entstehungsprozess der Lieder beteiligt, nicht mehr an der Produktion und den letzten Schritten vor Veröffentlichung. Mit den Künstlern, mit denen ich fest zusammenarbeite, gehe ich in der ersten Phase für ein neues Album dann auch gern gemeinsam ins Studio um sich immer wieder ein paar Tage voll auf das Songwriting zu konzentrieren. Dazwischen ist es dann auch einfacher, Phasen zu finden, wo man sich zum Beispiel auf ein neues Buchprojekt konzentrieren kann. Aber ich gebe zu, es müssen sich Lücken ergeben, sonst ist das eine mit dem anderen schwierig in Einklang zu bringen.


buch7: Was lesen Sie „beruflich“, und was „nur“ zum Vergnügen?

Lukas Hainer: Das vermischt sich komplett, weil ich ja auch Bücher aus den Genres schreibe, die ich selbst gern lese. Das geht querbeet von Kinderbuchklassikern wie Krabat, Momo, die unendliche Geschichte, allesamt für mich unfassbare Meisterwerke, über die Insel der besonderen Kinder oder auch ganz toll, die Heimwärts-Reihe von Cynthia Voigt bis hin zu Stephen King, wo ich immer wieder völlig versinken kann, z.B. der dunkle Turm, Es, der Anschlag. Musikalisch lese ich gern Biografien. Vom "Tastenficker", ein Buch des Keyboarders zum Rammstein, in dem das Wort "Rammstein" kein einziges Mal vorkommt, über jüngst Hannes Wader oder Sting, von dem es eine tolle Autobiografie gibt. Und ich habe mich sogar selbst schon in einem Buch gefunden: Kerstin Ott hat ja auch schon einen wahnsinnig facettenreichen Weg hinter sich und ich kann ihre Biografie, "Die fast immer lacht", jedem nur empfehlen. Sich darin am Ende selbst zu entdecken war eine schöne Überraschung.


buch7: An welchen (Schreib)projekten arbeiten Sie gerade?

Lukas Hainer: Ehrlich gesagt bin ich aktuell vor allem musikalisch unterwegs, nachdem es in der Pandemie ausgeschlossen war, die Zeit für ein neues Buch zu finden. Dafür brauche ich schon ein wenig Ruhe und zumindest 6 Monate Schreibzeit, eher mehr. Nach drei Jugendbüchern wird das nächste Buch aber auf jeden Fall wieder ein Kinderbuch, nachdem hier einige Grundschulen, in die ich kommen durfte, schon gerne neuen Stoff hätten.


buch7: Wie läuft Ihr Schreib- und Überarbeitungsprozess ab? Wie entwickeln Sie Ihre Charaktere? Wie kam es in Nightrunner zu den verschiedenen Perspektiven?

Lukas Hainer: Das ergibt sich sowohl aus der Geschichte als auch aus der persönlichen Entwicklung. Ich schreibe ja jetzt erst ein paar Jahre wirklich so intensiv und regelmäßig. Da gibt es ganz viel, was ich ausprobieren will und dazu gehörte auch die Verwebung mehrerer Parallelgeschichten bei Nightrunner, um diese Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen und diese dann aufeinandertreffen und in einer Geschichte aufgehen zu lassen. Das war eine Herausforderung, die mir beim Schreiben sehr viel Freude gemacht hat, und ich hoffe beim Lesen ist es genauso.


buch7: In der Nightrunner-Welt tauchen diverse „magische“ Elemente auf. Welche Sagen/Märchen/andere bekannte Erzählungen haben Sie inspiriert, und warum verwenden Sie diese in Nightrunner?

Lukas Hainer: Auf jeden Fall war Krabat ein großer Einfluss und das merkt man sicher auch in einigen Szenen, wofür ich mich nicht schäme. Ich betrachte das für mich eher als kleine Anspielungen auf ein großes Vorbild, das für sich ja einen ganz anderen Schwerpunkt setzt als meine Geschichte. Natürlich kann niemand, der mit Harry Potter aufgewachsen ist wie ich diese Reise, die man mit den Büchern von J.K.Rowling gemacht hat je wieder vergessen. Und so ist irgendwo denke ich fast alle "Magie" und Selbstentdeckung von magischen Kräften heutzutage auch mit von Harry Potter beeinflusst. Aber es ist natürlich gleichzeitig auch ein Thema, das schon immer in Märchen und Kinderbüchern auftauchte und auch mich als Kind fasziniert hat. Neben Krabat würde ich noch Reckless von Cornelia Funke als großen Einfluss auf Nightrunner betrachten. Der erste Reckless Band ist mein Lieblingsbuch von ihr, auch wenn ich damit glaube ich eher keine Mehrheit finde...


buch7: Und andererseits: Warum gebrauchen Sie Elemente aus der realen Welt und setzen diese teilweise in einen anderen Kontext?

Lukas Hainer: Das mag ich in Büchern total gern und es ist etwas, das mich auch an Stephen Kings Bücher fesselt (und auch wieder an Harry Potter und eben auch Cornelia Funke). Die Verschmelzung mit dem Bekannten und Erklärbarem mit dem Übermenschlichen und Übernatürlichen fesselt mich in Geschichten total, vielleicht gerade weil ich im "echten Leben" sehr nüchtern und schon eher rational denke.


buch7: Warum haben Sie das Buch als Jugendbuch konzipiert? Was reizt Sie daran, für diese Zielgruppe zu schreiben? Sehen Sie bei Nightrunner auch Potential für weitere Zielgruppen?

Lukas Hainer: Ich sehe mich als klassischen All-Age-Schreiber bei meinen Jugendbüchern. Ich verarbeite darin Themen, die mich selbst interessieren und die auch genug Tiefe haben, dass die Geschichten hoffe ich auch immer wieder zum Nachdenken über uns Menschen, unsere Weltanschauungen und unsere inneren und äußeren Konflikte anstoßen. Auch die Kinderbücher, die ich oben aufzähle, schlagen ja letztlich einen ganz großen All-Age-Bogen, und das fasziniert mich auch an Märchen: Geschichten, aus denen eigentlich alle Altersgruppen etwas für sich ziehen können und emotional berührt werden.


buch7: Viele der Szenen, insbesondere im zweiten und dritten Teil, schildern sehr plastisch die Ereignisse voller Gefahr und vor allem Gewalt. Detaillierte Gewaltbeschreibungen werden oft sehr kritisch gesehen – wie ist Ihre persönliche Haltung dazu, und wie sehen Sie diesen Stil im Kontext von Nightrunner?

Lukas Hainer: Mir ist bewusst, dass ich mit meinen Büchern hier auch bei dem/der einen oder anderen anecke. Ich sehe Gewalt kritisch, wo sie nicht der Geschichte dient, sondern Selbstzweck ist. Bei Game of Thrones war ich zum Beispiel mit manchen Gewalt- und auch fast schon pornografischen Szenen nicht einverstanden, weil sie für mich an manchen Stellen überhaupt nicht zur Dramaturgie beitrugen, sondern eben eher einen Selbstzweck erfüllten und auch darauf getrimmt waren. In meinen Büchern gibt es Stellen, wo mir eine sehr plastische Schilderung der Gewalt wichtig scheint, um eine erschütternde Szene eben auch als erschütternd zu erleben. Dann schildere ich sie auch so und "verstecke" nichts. Ich kann aber verstehen, wenn es Leser gibt, die dann lieber mal einen Absatz überspringen...genauso wie man bei manchen Filmen ja auch zwischendurch lieber mal wegschaut. Ich glaube aber, dass Gewalt in keinem meiner Bücher die Hauptrolle spielt, nur um das jetzt auch mal wieder ein wenig zu entschärfen...


buch7: Der Titel und der Klappentext decken nur bedingt das Thema und die Handlung des Buchs ab. Wie lief der Entscheidungsprozess diesbezüglich ab?

Ich finde das immer extrem schwierig und besonders bei Nightrunner war es für mich ein herausfordernder Prozess. Ich tue mir bis heute schwer, das Buch in 2-3 Sätzen zusammenzufassen. Die Vorschläge für alle Titel und Klappentexte meiner Bücher stammen erst einmal von mir. Der Verlag lenkt diesen Prozess aber natürlich und dabei geht es sowohl um die Stimmigkeit mit der Geschichte als solche, wie um die Vermarktbarkeit gegenüber den Käufern, und nicht zuletzt als Zwischenschritt dem Handel. Es ist sehr schwer sich gegen vermeintliche Gesetzmäßigkeiten wie "Steampunk geht gerade gar nicht" oder "Der Handel ist momentan nur an Einzelbänden interessiert" zu wehren. Und hinterher findet die potenzielle Nischenzielgruppe das Buch vielleicht gar nicht oder jemand, der eine abgeschlossene Geschichte wollte, stellt fest, dass er oder sie nur einen Auftaktband gekauft hat. Hier würde ich mir manchmal mehr Mut wünschen, eine breitere Vielfalt zu präsentieren und der Verschiedenheit der Geschmäcker Rechnung zu tragen. Das sagt sich aber natürlich leichter, wenn man nicht die Kosten eines Buchladens in Konkurrenz zu Amazon decken muss oder als Verlag erlebt, wie gerade das eigene Jugendbuch-Programm von Netflix und Gaming zurückgedrängt wird.


buch7: Welche Szene haben Sie besonders gerne geschrieben, und welche lesen Sie immer wieder gerne (vor)?

Lukas Hainer: Da muss ich jetzt auf die Lesung verweisen und kann nur empfehlen, eine zu besuchen. Mit dem Anfang macht man aber definitiv nichts falsch, denke ich.


buch7: Welche Rolle spielt der Prolog? Warum wurde dort das Thema Religion vorangestellt und dann in der weiteren Handlung weniger stark thematisiert?

Lukas Hainer: Die Religion mit ihren Abweichungen gegenüber unseres Christentums prägt die ganze Welt, die ich bei Nightrunner skizziert habe, finde ich sehr deutlich. Auch wenn die Geschichte selbst keine "religiöse" in dem Sinne ist, bietet die Religion mit den zwei Strömungen, den Anhängern von Jesus und denen von Prometheus, doch einen großen Teil der Atmosphäre und auch des Grundkonflikts in dem Buch. Da sehe ich schon Parallelen zur Realität, wo Konflikte und Geschehnisse selten komplett im Konflikt von Religionen wurzeln, wenn man den Dingen auf den Grund geht. Aber trotzdem schwingen die Religionen immer mit und schaffen eine Grundlage der Sozialisation und des Selbstverständnisses. Leider trägt das eben auch zur Frontenbildung bei. Ob man das alles so in Nightrunner findet, weiß ich nicht. Aber es sind Gedanken, die ich mir beim Schreiben schon mache, und welche der Leser dann beim Lesen hat, kann ich nur noch bedingt beeinflussen.


buch7: Warum werden so viele verschiedene Themen/Rollen/Bezüge eher nur angerissen? Es heißt zwar, dass bisher keine Fortsetzung geplant ist, aber denken Sie an ein weiteres Buch in dieser Welt?

Lukas Hainer: Ich könnte glaube ich kein Buch schreiben, für das keine weiteren Bände denkbar wären. Ich weiß dass sich manche Leser abgeschlossene Geschichten wünschen, in denen alle Fragen am Ende geklärt und Konflikte gelöst sind. Solche Geschichten haben definitiv auch ihre Berechtigung, aber es sind irgendwie nicht meine. Ich mag es gern, meine Geschichte auf einem vielschichtigen Boden wachsen zu lassen, und wenn dabei manches nur am Rand des Sichtfelds passiert und dann wieder aus dem Blickwinkel verschwindet. Dann hoffe ich, dass es eher zu dem Gefühl einer Welt beiträgt, die an sich aus Tausenden Geschichten besteht, und nicht nur aus dieser einen. Ich denke da an Inception, wo es heißt, dass der Architekt das Grundraster eines Traums schafft und der Träumende überall, wo etwas nur skizziert ist, seine eigenen Details draufprojiziert. Das würde ich mir bei meinen Lesern wünschen, und dass am Ende irgendwo jeder seine eigene Geschichte aus dem macht, was er oder sie liest.


buch7: Vielen Dank für das Interview, wir bedanken uns vielmals für Ihre Zeit!




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