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Wie wir mit Löschanfragen umgehen

Juli 2020 · Meinungsfreiheit und Toleranz: Was bedeutet das bei "problematischen" Buchtiteln?

Wir bekommen immer wieder Anfragen, warum denn das eine oder andere problematische Buch bei uns im Sortiment ist und verkauft wird, obwohl die dortigen Botschaften intolerant oder diskriminierend sind. Auf den ersten Blick erscheint es naheliegend, dass wir als besonders engagierter Buchhändler doch nur unproblematische Bücher verkaufen sollten. Nach langen und intensiven Diskussionen sind wir aber tatsächlich zum gegenteiligen Ergebnis gekommen: Gerade wir als besonders engagierter Buchhändler haben eine besondere Verantwortung, nicht zu schnell auf den "Lösch-Knopf" zu drücken, weil aus dem Löschen von Büchern schnell die Unterdrückung von Gedanken wird und wir befürchten, dass Buchhändler bei zu leichtfertigen Löschungen irgendwann zu einer Meinungs- oder gar Gedankenpolizei werden könnten, die den Weg für eine mögliche zukünftige staatliche Zensur bereitet. Da hier sehr viele Überlegungen eine Rolle spielen, möchten wir diese hier kurz skizzieren.

Um es zu Beginn ganz klar festzuhalten: Die allermeisten Bücher, zu denen Löschwünsche an uns herangetragen werden, finden wir auch selbst überhaupt nicht wertvoll oder unterstützenswert. Trotzdem halten wir die Konsequenzen von Löschungen für weit schwerer als es auf dem ersten Blick erscheint, was wir hier erklären wollen:

Aber warum führen wir solche Bücher dann überhaupt im Sortiment? Warum haben wir uns denn dafür entschieden, auch diesen Büchern eine Plattform zu bieten?

Tatsächlich haben wir uns nicht entschieden, diesen speziellen Büchern eine Plattform zu bieten. Wir haben uns lediglich dafür entschieden, so viele Bücher wie möglich anzubieten. Man spricht in der Branche von einem "Vollsortimenter". Wir haben also nicht nur Schulbücher oder Öko-Bücher oder Romane etc., sondern versuchen, alle Bücher anzubieten. Das ist auch so ziemlich eine der häufigsten Fragen, die Menschen uns stellen, die noch nie von uns gehört haben: "Gibt es bei euch auch wirklich alle Bücher, die es woanders gibt?" Um gegen Amazon und andere große Anbieter überhaupt bestehen zu können, ist ein möglichst großes Sortiment also ganz entscheidend. Deswegen übernehmen wir täglich automatisiert tausende Datensätze mit neuen Büchern. Bei insgesamt ca. 10 Millionen Titeln in der Datenbank wäre es für ein kleines Unternehmen wie uns auch überhaupt nicht möglich, diese Bücher manuell zu prüfen und zu sortieren in "gute" und "böse" Bücher. Wenn ein Buch bei uns im Katalog angeboten wird, stellt das keinerlei Empfehlung von uns dar, sondern ist nur das Ergebnis eines automatischen Datenimportes, da die meisten Kunden von uns sich ein möglichst großes Sortiment wünschen und das ohne größtmögliche Automatisierung überhaupt nicht machbar wäre. In unserem kleinen Buchladen am Firmensitz haben wir den Luxus, jedes einzelne Buch sorgfältig auswählen zu können, dort finden sich die bisher kritisierten Artikel auch nicht.

OK, die Bücher werden also automatisch importiert, aber warum löscht ihr die problematischen Titel dann nicht, wenn es euch berichtet wird?

Dafür gibt es viele Antworten. Weil wir z.B. nicht der Meinung sind, dass es uns zusteht, darüber zu richten, was richtig und falsch, was gut und böse ist. Weil wir überzeugt sind, dass es sich bei Büchern nicht um irgendein Produkt, sondern um Papier gewordene Gedanken handelt und jedes Verbot der Verbreitung von Gedanken an sehr hohe Hürden geknüpft werden sollte. Schon alleine der Prozess wäre weder fair und noch rechtsstaatlich Denn dazu wäre es wichtig, auch die andere Seite anzuhören, aber wir hören bei Löschanforderungen immer nur eine Seite, nämlich die der (durchaus nachvollziehbaren) Ankläger. Und selbst wenn wir die andere Seite anhören würden: Steht es uns als Unternehmen wirklich zu, eine Art Ersatzjustiz zu sein? Wir sind nicht als Richter ausgebildet, wir tagen nicht öffentlich, wir sind nicht einer Reihe von Prozessregeln unterworfen und unterliegen nicht einer demokratischen Legitimation. Wir stehen zudem im offensichtlichen Interessenkonflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und Meinungsfreiheit - in unserem Fall sogar noch ergänzt um das Ziel der möglichst hohen Spenden. Und nicht zuletzt befürchten wir auch schwere langfristige Konsequenzen für die Meinungsfreiheit, wenn in Zukunft privatwirtschaftliche Unternehmen entscheiden, was noch erlaubt ist und was nicht.

Warum tun sich dann andere Buchhändler mit dem Löschen einfacher?

Ein übliches Argument, warum wir etwas löschen sollen, lautet, dass andere Händler es schon getan haben. Wir können nur mutmaßen, was die Gründe sind, aber eines ist klar: Bereits in den ersten Sekunden der Diskussion bei uns im Team, ob ein bestimmtes Buch gelöscht werden soll oder nicht, das gerade im Fokus der Empörung steht, war uns allen klar, dass es wirtschaftlich und für unser Image der einfachste und sicherste Weg ist, das Buch einfach zu löschen. Üblicherweise sind für klassische Unternehmen wirtschaftliche Erwägungen wichtiger als langfristige Fragen der Meinungsfreiheit und Zensur. Das macht die Entscheidung einfacher, wenn man die nicht-wirtschaftlichen Aspekte ausblendet. So einfach wollten wir es uns nicht machen.

PS: Im Team von buch7 werden solche Themen auch manchmal am Familientisch kontrovers diskutiert. Auf die Frage, ob wir Kochbücher von jemandem aus dem Katalog löschen sollen, der danach gesagt hat, dass Hitler gar nicht so schlimm ist (so die kindgerechte Formulierung), war der Vorschlag unseres 7jährigen "Unternehmensberaters": "Nein, Kochbücher sind Kochbücher und bleiben Kochbücher, außer er schreibt jetzt Hitler-Bücher". So kann man es auch formulieren ;-)

Warum haben wir so viel Angst vor den Konsequenzen der Löschung eines einzelnen Buchs?

Wenn Unternehmen jetzt Bücher löschen, weil es opportun ist, einer öffentlichen Empörung zu folgen, werden dieselben Unternehmen nicht auch Bücher löschen, wenn diese einer zukünftigen Regierung nicht passen und die Regierung dafür sorgt, dass es für das Unternehmen opportun ist, dem Folge zu leisten? Mit jedem gelöschten Buch wird die Hürde, auf diese Weise Gedanken und Ideen zu unterdrücken, niedriger. Mit jedem intoleranten Buch, dass wir jetzt nicht löschen, kämpfen wir für die zukünftige Verfügbarkeit regierungskritischer, gesellschaftskritischer oder generell für irgendjemanden kritischer Bücher. Und nicht zuletzt sind wir überzeugt, dass es selbst bei problematischen Gedanken besser ist, sie auszuhalten, sich mit ihnen offen auseinanderzusetzen und sachlich, ohne Hysterie und Tugendfuror, ohne gegenseitige Abwertung und "geht-ja-gar-nicht"-Verhalten, immer wieder zu vermitteln, warum sie problematisch sind. Den Versuch des Verbotes eines Buchs sehen wir auch als eine Kapitulation im intellektuellen Diskurs. Je problematischer der Gedanke, desto offener sollte er doch auf der Bühne der Öffentlichkeit entlarvt werden, desto klarer sollten seiner Schwächen öffentlich angeprangert werden. Jedes Verbot schafft neue Unterdrückungsmythen und gießt Öl in das Feuer der Verschwörungstheoretiker.

Löschen wir dann wirklich keine Bücher?

Doch, wenn wir offiziell benachrichtigt werden, dass die Verbreitung eines Buch widerrechtlich ist. Wenn demokratisch legitimierte Gerichte entscheiden, dass ein Buch nicht verkauft werden darf, weil es z.B. die Grenzen der Meinungsfreiheit überschreitet, ist es selbstverständlich unsere Pflicht, solche Bücher nicht mehr zu verkaufen. Mit solchen Entscheidungen fühlen wir uns wohler, denn irgendjemand muss ja der Schiedsrichter sein, was erlaubt ist und was nicht. Besser als Marketing-Abteilungen in Unternehmen können das speziell ausgebildete und unbeeinflusste Richter, die nach den Spielregeln arbeiten und entscheiden, die unsere demokratisch gewählten Volksvertreter beschlossen haben.

"Es ist mir sehr wichtig, dass das Buch X nicht mehr bei euch verkauft wird, weil es wirklich alle Grenzen überschreitet! Was kann ich tun?"

Aus den beschriebenen Gründen setzen wir uns extrem hohe Hürden für eine Löschung eines Buches aus inhaltlichen Gründen. Folgenden Weg können und wollen wir empfehlen: Bitte wenden Sie sich an den Verlag, der das Buch veröffentlicht hat und schildern Sie ihm Ihre Bedenken. Der Verlag entscheidet, welche Bücher überhaupt veröffentlicht werden, sie gehen das Problem also an seiner Wurzel, an der Quelle der Bücher an. Sollten Sie der Meinung sein, dass sich der Verlag Ihre Bedenken nicht zu Herzen nimmt, dann empfehlen wir ihnen tatsächlich den Rechtsweg gegen den Verlag bzw. den Autor, am besten mit Hilfe eines Anwalts, da es im Detail doch kompliziert ist. Sammeln Sie unter Gleichgesinnten Spenden, damit es nicht zu teuer wird. Dafür ist unser Rechtssystem dar, die Grenzen der Meinungsfreiheit zu bestimmen und wenn Sie sich so durchsetzen, müssen Sie nicht hunderte oder tausende Buchhändler und Buchhandlungen einzeln überzeugen, sondern unterbinden die Verbreitung über alle Vertriebswege. Damit erreicht man am Ende vielleicht mehr, alleine schon aufgrund der möglichen, öffentlichen Auseinandersetzung Solange ein Buch nicht gerichtlich verboten wird, kann und wird es verbreitet werden. Vielleicht nicht mehr durch die großen Händler, die einen Ruf zu verlieren haben, aber dann vielleicht in kleinen, spezialisierten Buchläden, die im schlimmsten Fall nur noch extremistische Literatur verkaufen und damit zu einer weiteren Echokammer des Extremismus werden. Gegen diese - und gleichzeitig gegen alle anderen Verbreitungswege - hilft am besten der Rechtsweg.

Unser zugespitzt formuliertes Fazit: Die Meinungsfreiheit gilt auch für kontroverse, ja vielleicht sogar unvernünftige Meinungen. Ihre Grenzen sollten unbedingt von demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich überwachten Gerichten gesetzt werden, aber keinesfalls von Privatunternehmen, denen Gewinn und Image in aller Regel viel wichtiger ist als Meinungsfreiheit und die langfristigen gesellschaftlichen Konsequenzen. Mit jedem Buch, das wir löschen, senken wir die Hemmschwelle, dass Bücher, die Staaten, großen Unternehmen oder mächtigen Privatpersonen nicht passen, auch auf die eine oder andere Weise aus dem Sortiment verschwinden. Das eigenmächtige Löschen von Büchern sollte aus unserer Sicht ein absolutes Tabu bleiben, weil man damit in puncto Meinungsfreiheit mit dem Feuer spielt. Mit jedem, isoliert betrachtet, zurecht gelöschten Buch wird die Löschung von zurecht kritischen Büchern erleichtert. Das wollen wir so lange wie möglich verhindern, nicht aus wirtschaftlichen Interessen und nicht um unseren Ruf zu schützen - für beides wäre die Löschung der viel einfachere Weg - sondern aus der tiefen Überzeugung, dass die Meinungsfreiheit zu kostbar ist, um sie auch für schwer zu ertragende Meinungen leichtfertig einzuschränken. Wenn wir wollen, dass wir in Zukunft unsere eigene Meinung, auch wenn sie gegenüber anderen Staaten, Behörden, Unternehmen oder Menschen kritisch ist, noch äußern können, müssen wir auch andere Meinungen, die uns nicht gefallen, aushalten, solange sie sich im Rahmen von Recht und Gesetz befinden.

PS: Im Team von buch7 werden solche Themen auch manchmal am Familientisch kontrovers diskutiert. Auf die Frage, ob wir Kochbücher von jemandem aus dem Katalog löschen sollen, der danach gesagt hat, dass Hitler gar nicht so schlimm ist (so die kindgerechte Formulierung), war der Vorschlag unseres 7jährigen "Unternehmensberaters": "Nein, Kochbücher sind Kochbücher und bleiben Kochbücher, außer er schreibt jetzt Hitler-Bücher". So kann man es auch formulieren ;-)
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